Selektiver Mutismus

Selektiver Mutismus bei Erwachsenen

Der selektive Mutismus ist eine psychische Störung, die nach dem ICD-10 unter F94 eingruppiert ist. „Mutus“ stammt vom Lateinischen und wird mit „stumm“ übersetzt. Unter dem ICD wird er als „elektiver Mutismus“ beschrieben, der bei den Störungen der sozialen Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend eingruppiert ist. Mittlerweile ist allerdings eher der Name „selektiver Mutismus“ eingeführt, der zunehmend verwendet wird.

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Selektiver Mutismus bei Erwachsenen

Außenstehende mögen diese Erkrankung ggf. schnell mit dem Hinweis abtun, dass der Leidende einfach nur griesgrämig ist und eigentlich schon immer so war. „Warum sollte sich daran was geändert haben?“ Dies mag allerdings oftmals nicht stimmen und es ist eher eine „verschleppte“ Erkrankung des Mutismus, der immer noch vorhanden ist um schließlich Rückschlüsse auf den selektiven Mutismus bei Erwachsenen zu finden, sollte zunächst ein Blick auf die Kindheit geworfen werden.

Denn in ihr treten die Störungen bereits auf. Wenn sie nicht behandelt werden, greifen sie in das Erwachsenenalter über.

Symptome des selektiven Mutismus

Normalerweise wird vorwiegend über Kinder berichtet, die diese Erkrankungen zeigen. Sie verhalten sich stumm, aber nicht komplett, sondern eben selektiv. Deswegen ist der Begriff Mutismus als stumm bezeichnend etwas irreführend, denn die mutistischen Personen können sprechen.

Sie tun es allerdings nicht immer, sondern auswählend. Sie scheinen immer in denselben Momenten kein Wort herausbringen zu können. Oftmals wird das von der Außenwelt falsch verstanden. Die Kinder seien trotzig oder würden die Aufgaben verweigern, wenn dies in der Schule auftritt. In Deutschland sollen sich offiziell Kinder in 4- bis 5-stelligen Bereich befinden, die unter der Erkrankung leiden.

Die Dunkelziffer soll könnte jedoch noch wesentlich höher sein. Dies kann an einem Missverständnis oder Nicht-Erkennens der Eltern und Bezugspersonen liegen. Verstärkend kommt hinzu, dass die Kinder in Gegenwart der Eltern, wenn sie also alleine zu Hause sind, normal oder sogar mehr reden.

Das erscheint so, als ob sie das vorherige Schweigen kompensieren möchten. Kommt jedoch eine außenstehende Person hinzu oder hat das Kind den Verdacht, dass es beim Sprechen beobachtet wird, fällt es ins Schweigen zurück.

Es sind grundsätzlich folgende Symptome beim Mutismus zu beobachten:

  • Schweigen, welches gegenüber bestimmten Situationen, Menschen oder Menschengruppen gerichtet ist.
  • Leicht oder stark erhöhte Kommunikation zu Hause, welches sich beim Erscheinen von fremden Besuchern oder in einer neuen Umgebung sofort einstellt.
  • Angst davor, sich körperlich zu auszutesten, welche beispielsweise bei den Themen Schwimmen, Fahrrad fahren oder Klettern deutlich sichtbar wird.
  • Angst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. Dabei tritt die Sorge seitens des Kindes auf, wie es auf andere wirken könnte.
  • Angst vor der körperlichen Nähe zu Fremden. Zudem tritt die Angst auf, alleine zu schlafen. Selbst gelegentliches Bettnässen kann auftreten.

Es sind zwei Varianten des Mutismus zu beobachten, die als Kardinalsymptome betitelt werden:

  1. Kardinalsymptom 1: Das Nicht-Sprechen unter bestimmten Voraussetzungen. Hierbei wird die Sprache im engeren Sinne beleuchtet.
  2. Kardinalsymptom 2: Das ist der Kommunikationsabbruch unter bestimmten Bedingungen. Hier ist die Sprache an sich im weiten Sinne definiert.

Gegenteilig zu dem, was eigentlich vermuten werden könnte, weisen die Kinder folgende Merkmale auf:

  • Normal intelligent bis hochbegabt
  • Feinfühlig
  • Gute schriftliche Leistungen, die die mündlichen kompensieren
  • Vorsichtiges Verhalten

Reaktionen der Eltern und Lehrer

Reaktionen der Eltern und Lehrer

Wie kurz angedeutet, sind die Eltern von dem Phänomen auch betroffen. Sie machen sich vor allen Dingen Sorgen, was mit dem Kind nicht stimme. Sie können sich diesen Zustand nicht erklären und fühlen sich machtlos. Hilflos sind sie auch deswegen, da ihre eigenen Motivationsversuche zum Sprechen nicht zu helfen scheinen.

Wenn nun die Lehrer Unverständnis zeigen und dementsprechend Druck auf die Kinder und Eltern ausüben, als ob das Kind nur bockig sei, wird die Situation schlimmer. Falls die Fehler nicht bei den Kindern lägen, wird schnell die Problematik auf die Eltern projiziert. Sie hätten die Schuld am Schweigen der Kinder. Paradox wird es dann, wenn die Kinder zu Hause fließend und ohne Pause sprechen. Mistrauen gegenüber den Lehrern kann entstehen, dass sie das eigene Kind nicht mögen und falsche Behauptungen aufstellen.

Erste Anlaufstellen können für die Eltern in erster Linie gleichfalls folgende Stellen sein, wenn sie professionelle Unterstützung bräuchten:

  1. Kinderarzt
  2. Erziehungsberatungsstellen der Landkreise oder Städte
  3. Jugendämter der Landkreise und Städte

Die Erziehungsberatungsstellen sind oftmals den öffentlichen Träger wie Jugendämtern zugeordnet. Jede oben genannte Stelle hat allerdings die Schweigepflicht. Dies ermöglicht den entsprechenden Schutzraum, sich bezüglich der Problematik frei und vollständig öffnen zu können.

Zudem sind Erziehungsberatungsstellen und die Hinzunahme des Jugendamtes als Beratungseinstige grundsätzlich kostenlos. Außerdem haben die Eltern und Kinder nach dem KJGH (Kinder- und Jugendhilfegesetz) gesetzlichen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung. Den Fachkräften obliegt es dann, die richtige Hilfe zu eruieren und entsprechend zu empfehlen oder sogar direkt als Kostenträger (Jugendamt) einzuleiten.

Was du in diesem Fall vermeiden und stattdessen TUN kannst:

Diagnosemöglichkeiten

Um herauszubekommen, ob die Kinder an Mutismus erkrankt sind, können Fachärzte, Psychologen oder Erziehungsberatungsstellen hinzugezogen werden. Mittlerweile gibt es Fragebögen, die für die unterschiedlichen Zielgruppen und Betreuungspersonen, aber ebenso für das Kind selber entwickelt wurden.

Somit ist selbst eine Unterstützung für Fachkräfte oder Pädagogen bzw. Lehrer gegeben, die mit dem Kind arbeiten. Solche Fragebögen sind beispielweise als Buch, namens DiFraMut, vom Alexandra Kopf erhältlich. Aber auch Alternativen können als Diagnosemittel dienen. Wichtig ist dabei, dass Eltern die Befragungen immer mit ärztlicher Beratung durchführen und nicht ganz alleine agieren.

Um eine fachlich richtige Eischätzung und Handhabung der Fragebögen zu bekommen, ist dieser Austausch mit einem kinder- und Jugendpsychiater zu besprechen. Bestenfalls sollte die Initiative von diesem selbst ausgehen, einen Fragebogen zu erstellen.

Ursachen des elektiven Mutismus

Als Ursachen und begünstigende Faktoren können folgende Hintergründe gesehen werden:

  • Isolation des Kindes
  • Geringes Selbstvertrauen
  • Bereits kleine Veränderungen bedeuten für das Kind Stress
  • Symbiose zwischen einem Elternteil und dem Kind
  • Innerfamiliäre Konflikte, wobei das Kind als Symptomträger auftritt
  • Dominierende und kommunikationsunterdrückte Strukturen innerhalb der Familie
  • Migration und Mehrsprachigkeit
  • Risikofaktoren während der Geburt und genetische Disposition
  • Trennungs- und traumatische Erlebnisse
  • Motorische Auffälligkeiten
  • Störung in der Sprachentwicklung: Grammatik, Aussprache und Wortbedeutung

Einige Therapeuten berichten ebenso, dass mutistische Kinder oftmals ein Elternteil haben, welches an einer Depression leidet. Auffällig ist ebenso, dass die Krankheit recht selten ist und der Anteil der Mädchen gegenüber den Jungen überwiegt.

Begleiterkrankungen des selektiven Mutismus

Die Störung hat neben dem Schweigen noch weitere Begleiterscheinungen. Diese könnten sein:

  • Sozialangst
  • Rückzug
  • Empfindsamkeit
  • Widerstand

Diese Begleiterscheinungen lassen durchscheinen, dass sich das Kind bei Misserfolg, Reaktionen der Mitschüler wie Gelächter und Druck der Eltern und Lehrer ggf. noch weiter zurückziehen oder in den Widerstand gehen. Denn beide Gefühle wie die Empfindsamkeit und Sozialangst verstärken die genannten Reaktionen und verhindern stattdessen ein Besserwerden. Fachtechnisch wird dies mit Problemen in der Ich-Identität und der Entwicklung des Selbstbewusstseins umschrieben.

Abzugrenzen sind die Auffälligkeiten wie Schüchternheit oder Autismus, die die Gesprächspartner bei den auftretenden Symptomen vermuten könnten.

Das Gegenüber wird ebenso unter der Kommunikationsarmut leiden. Eine stärkere oder intensivere Aufforderung zum Sprechen kann das Gegenteil hervorrufen, aber niemals zum Erfolg führen.

Therapie im Kindesalter

Grundsätzlich sollte eine Therapie bei Kindern rasch beginnen, sobald die ersten Anzeichen eines auftretenden Mutismus in Erscheinung treten. Die Therapie kann aus einem Mix aus Psycho- sowie Sprachtherapie und psychiatrischer Behandlung bestehen. Sieht der Therapeut hingen die Ursache hinter einem familiären Konflikt, kann gleichzeitig eine Familientherapie zum Einsatz kommen.

In der Arbeit mit den Kindern sollten die Therapeuten und besonders die Eltern wichtige Aspekte berücksichtigen:

  • Nicht erwarten, dass das Kind spricht bzw. sehr schnell anfängt zu sprechen
  • Freunde, mit denen die leidenden Kinder gerne spielen, in die Therapie einzubeziehen
  • Rollenspiele anwenden, die zunächst langsam mit der Kommunikation beginnen. Anschließend erfolgen solche mit einigen Sprechpausen dazwischen
  • Ermöglichen von nonverbaler Kommunikation

Die Kinder polarisieren sehr stark, wie beispielsweise:

  • reden und nicht-reden
  • schwarz oder weiß
  • Kontakt und kein Kontakt
  • Gemeinsam und alleine

Das ist wiederum der Ansatz der Therapeuten, langsam mit den dazwischenliegenden Räumen anzufangen und den Kindern den Nutzen und die Möglichkeiten dieser aufzuzeigen.

Gelegentlich werden auch Antidepressiva wie Sertralin eingesetzt. Diese zeigen beruhigende Wirkungen aber auch Nebenwirkungen, wie sie bei Erwachsenen auftreten oder sich sogar bei ihnen noch stärker zeigen (siehe dazu nachstehenden Abschnitt). Homöopathische Konstitutionsmittel können eingesetzt werden und bieten einen entsprechenden Effekt, wenn sie angstlösend ausgerichtet sind.

Therapie im Erwachsenenalter

Neben den erwähnten Therapieformen wie beim Kindesalter, kann zusätzlich eine medikamentöse Behandlung im Erwachsenenalter hinzukommen. Die Form ist meistens vom behandelnden Arzt abhängig. Dann werden Antidepressiva (Sertralin) begleitend verabreicht.

Sertralin kommt ansonsten bei Angststörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Panikstörungen und Zwangsstörungen zum Einsatz. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Wirkstoff auch Nebenwirkungen zeigt. Sehr häufig, also bei 10% der Einnehmenden, wurden Schlafstörungen, Übelkeit, Durchfall u.a. beobachtet.

Heilungschancen des selektiven Mutismus

Kinder haben die besten Heilungschancen, wenn sie mit einer Therapie rasch beginnen. Somit wird schnell die Erinnerung an das „normale“ Sprechen reaktiviert. Erfolgt eine Therapie nicht, kann es zur Chronifizierung kommen. Dies hat spätere Auswirkungen auf den Beruf und die Berufschancen, die dabei einhergehen.

Die Leidenden im Erwachsenenalter können Besserung erfahren. Es ist jedoch ebenso klar, dass die an Mutismus Erkrankten nicht mehr die „größten Redner“ werden. Da das Hauptziel jedoch ist, dass die Leidenden an einer Kommunikation an sich partizipieren können, sind kleine Schritte wichtige Elemente der Heilung.

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Denn das ist schließlich der Wunsch aller Menschen, dass sie sich ausdrücken und Rückmeldungen bekommen sowie geben können. Ist das erreicht, reduzieren sich gleichzeitig die Begleitsymptome wie Widerstand, Rückzug und dergleichen.


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